Alles an einem Tag.

Geschichtsträchtig. Vielleicht.
Eigentlich nur ein Tag unter vielen.
Um 7 Uhr dreißig sind Klos noch nicht geputzt, dafür wischt eine Putzfrau den Parkettboden. Ein Schild warnt vor ungewolltem Ausrutschen.
Ein Bundespräsident ohne Bundespräsidentenmoral dankt ab und ist verletzt.
Deutschlands Reaktion ist ein geschlossenes „Endlich“. Anderen ist die Diskussion schon vor Wochen egal geworden.
Touristen sind enttäuscht, weil sie nicht ohne Anmeldung auf die Bundestagskuppel dürfen. Zumindest jetzt behaupten sie, nur dafür angereist zu sein. Aber auf dem Fernsehturm soll der Ausblick ja auch nicht so schlecht sein, werden sie vertröstet.
Am Potsdamer Platz warten Berlinale-Fans im Nieselregen auf eine Sekunde Blickkontakt mit ihren Stars. Sie pfeifen und rufen für ein bisschen Aufmerksamkeit.
Andere arbeiten wie jeden Tag. Natalie fegt den Boden um die Stehtische, weil grad niemand ein Leberkäs’brötchen kauft.
Zehn Narzissen kosten beim Aldi heute nur fünzig Cent. Riesen-Milka-Schokolade beim Edeka nur einen Euro siebzig.
Der zweitschönste Mann der Welt steht an der Supermarkt-Kasse gegenüber. 5 Minuten verliebt.
Ein schwules Hipsterpärchen schläft nebeneinander auf ihrem Bücherstapel in der Staatsbibliothek ein.
Nachbarn klingeln an der Tür. Sie kommt grad aus der Dusche mit nassem Haar.
Kino mit einer der besten Freundinnen der Welt. Berlinale am Abend.
Links und rechts sieht man bekannte Gesichter.
Jürgen Vogel küsst Birgit Minichmayr auf der Leinwand.
Bilder von Hammerfest wecken bei den Zuschauern Fernweh und alte Erinnerungen an Skandinavien.
In Neukölln feiert ein Mädchen ihren 26. Geburtstag mit alten Freunden.
Die U-Bahn ist voll mit müden Menschen. Es ist nach 1. In ein paar Stunden streiken die BVG-Fahrer.
Der zweitschönste Mann der Welt steht in der selben U-Bahn an derselben Tür.
5-Minuten verliebt für 3 Stationen. Schon wieder. Das Mädchen von vorhin redet sich ein, es wäre Schicksal. Vermutlich ist es schlichter Zufall.
Ex-Freunde melden sich bei ihren Ex-Freundinnen aus Langeweile.
Mädchen tragen ihr Fahrrad die Bahnhofstreppen hoch und fahren in Lichtgeschwindigkeit nach Hause.
Freunde trinken Rotwein zusammen und rauchen Zigaretten. Sie sprechen über die wichtigen Dinge des Moments. Der Bundespräsident gehört nicht dazu.
Betrunken sollte man nicht Massive Attack hören, wenn man nicht noch heulen will. Also schnell vorgespult im Shuffle-Mix.
Einige müssen gleich schon wieder aufstehen und sollten längst schlafen.

Insgesamt war dies ein schöner Tag. Wenn auch nur einer von vielen.
Na ja, das Wetter hätte besser sein können. Aber sonst?
Werden sie sagen.