Au revoir, liebster Braxel.

Ja, nun, drei Monate sind nicht die Welt, das war ja klar.
Aber drei Monate sind am Ende doch ziemlich schnell vergangen.
Viel zu schnell.
Schade eigentlich.
Tschau, Braxel, altes Haus.
Du warst wieder gut zu mir.
Ich komme sicher bald wieder!

Heute geht es mit dem Zug nach Berlin.
Am Gare du Nord treffe ich ein rührendes Mädchen.
Keine zwanzig, schwarze Locken bis zum Popo, zerrissene Jeans und kleine Tochter. Sie spielt mit dem Puderspiegel ihrer jungen Mama. Alternativ mit dem Mascara aus der Schminktasche. Spielzeug hat sie keines dabei.
Die junge Mama ist offen, spricht mich an. Auf Deutsch. Gutem Deutsch.
Ob ich selbst Kinder hätte.
Ich schüttele den Kopf.
Was ich in Brüssel wolle. Was will man denn hier? Hier ist vieles so schlecht, sagt sie. Viele schlechte Menschen. Hast du von dem Terrorverdacht gestern gehört? Schlimm.
Ich sage, dass ich Brüssel eigentlich ganz gerne mag und hier gearbeitet habe für ein paar Monate.
Uns trennen Welten und sie berührt mich irgendwie. Ich glaube, ihr linkes Auge ist stark überschminkt und ich hoffe, dass es unter all dem Puder nicht wirklich blau schimmert.
Bist du verheiratet?
Nein, bin ich auch nicht…
Ich fürchte, sie ist.
Wohin fährst du denn?
Nach Berlin, da komme ich her. Über Köln.
Ah! Dann können wir zusammen aussteigen. Ich fahre von dort aus weiter nach Essen. Meine Oma wohnt da.
Hier schau, ich muss zum Gleis 13.

Als der Zug einfährt, steigen wir zwar noch in den selben Waggon, aber verlieren uns aus den Augen.
Auch am Gleis sehen wir uns nicht mehr.
Ich steige in Köln in den ICE nach Berlin.
Neben mir sitzt Elfi. Eine Rentnerin aus Berlin. Ur-Berlinerin.
Sie hat jahrelang in einer Kneipe gearbeitet.
Alle haben sie gemocht.
In Köln wohnt ihre Tochter mit den Enkeln.
Vor kurzem habe sie ihre Mutter beerdigt.
Ein schwieriges Verhältnis hatte sie zu ihr.
„Sie hat mir irgendwie übel genommen, als ich in dieser Fernseh-Reportage teilgenommen habe.“
Irgendwer muss es ja machen. So der Titel.
Sie will, dass ich die Doku google und ich mache es.
Wir sprechen über Tod und ihre Mutter und über den Glauben zu Gott.
Ich bin nicht sehr gläubig, beichte ich ihr.
Ich glaube, das wiederum findet Elfi schade.
Als wir nach 4 oder mehr Stunden am Hauptbahnhof ankommen,
legt sie mir ihre Hand auf die Schulter.
Gott behüte Sie. oder sowas hat sie zu mir gesagt.
Dann war Elfi weg.

Am Bahnhof holen mich D. und meine Frau Mama ab.
Ich bin wieder da.
Tschau, Braxel! Hallo Berlin!

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