"Entschuldigen Sie…

haben Sie ein bisschen Glitzer für mich?“
Sätze, die nirgends Sinn ergäben und die niemand sagen würde. Doch hier, auf der Fusion 2011 in Lärz an diesem einen Wochenende ist niemand auf der Suche nach dem höheren Sinn. 
Es ist, was es ist: Die Suche nach Glitzer, Klang und Ferienkommune sind für ein paar Tage das meist vernommene Begehren der Menschen. 

Die Leute glitzern, tanzen unter der Turmbühne, die im Rhythmus der Musik meterhoch riesige Feuerbälle speit und die Gesichter der Menschen wärmt. 
Schilder luken aus der Menge hervor. So wie das von Dennis. Er hat sich Mühe gegeben. „Auffallen, wir müssen auffallen“ und deshalb hat er all seine Hosentaschen mit Konfetti und anderen Kinder-Partyartikeln ausgestattet, sein Gesicht wie viele andere auch mit Glitzer verziert und sein liebstes Partykostüm ausgewählt. Das Schild hat er extra für die Fusion gebastelt. Es steht nicht nichts darauf, aber eigentlich schon. „Jawoll“ ist seine Aussage und „Jawoll“ gesellt sich neben „Quak“ und „ich bin hier“ in die Reihe der sinnlosen, aber erfreuenden Schildbeschriftungen. Ein anderer hat sein Grillgitter zum Partyschild transformiert. Mit Pappe rankt darauf eine Sonne in Abwesenheit der echten. Darunter stecken gelbe Knicklichter. Ein Hoffnungsschimmer. 
Ferienkommunismus. Dafür ist man angereist. 

Obwohl das Wetter nichts Gutes verspricht, sind die Menschen gut drauf. Selbst tagelanger monsunartiger Regen, der die Zelte nass oder sich komplett auflösen ließ, trübt diese gute Laune nicht.  Man arrangiert sich in der Parallelwelt, tanzt in Pfützen und kombiniert das Partykostüm eben mit Leopardengummistiefeln.
Es könnte das Jahrestreffen der Hobbyangler sein, wenn man die Friesennerze und Gummistiefel sieht – oder eben doch einfach die Fusion 2011.

Auf den Bühnen und den DJ-Pulten spielen sie 5 Tage lang, Alle Farben und Mogwai, Herr Koletzki und Bands mit Namen wie Zentralheizung of Death. Vor ihnen wippen ihre Jünger zum Takt. 

Wer Partydrogen zum Feiern braucht, bekommt sie hier. Die Frontscheibe eines PKW ziert eine Pappe mit schwarzen Lettern. „MDMA?“. Und man ist nicht sicher, ob dies eine Frage oder ein Angebot sein soll.
Rutger hingegen ist ohne Zelt und Schlafsack aus Amsterdam angereist. Er wird wach bleiben dieses Wochenende, unterwegs sein mit seinem Rucksack. Er fällt weniger auf in der Menge als andere. Das Verrückteste an ihm ist seine pinke Sonnenbrille und die Beule auf der Stirn. Aber denen, die wissen, was in seinem Rucksack steckt, fällt er auf. Einer dieser Wissenden ist ihm in eine stille Ecke gefolgt und Rutger packt einen Beutel mit Pilzen aus. Magic Mushrooms. Sein Kunde kauft ein ganzes Säckchen voll und drückt ihm Euro-Scheine in die Hand. Diejenigen, die den Handel beobachtet haben, folgen Rutger. Bis zur nächsten Gelegenheit, in der Rutger das nächste Säckchen füllt. 

Bis Freitag löst sich der Boden auf. Es regnet. Es gießt. Es gewittert. Ohne Unterlass. Abriss einer Parallelgesellschaft. Schützen, was noch nicht aufgeweicht ist. Mülltüten ersetzen das Glitzer am Freitag. Paletten werden zu improvisierten Stegen, um die Pfützenseen irgendwie heile zu überqueren. Wenn der Regen gerade einmal wieder schlimmer wird, rennen die Menschen unter die wenigen überdachten Stellen. Sobald der Regen nachlässt, laufen sie zur nächsten Bühne und tanzen weiter. „Wir müssen immer in Bewegung bleiben, sonst verklumpt das Blut“ so lautet die ungeschriebene Devise.
Als Bodi Bill am Roten Platz spielen, geht das vorüber geglaubte Unwetter  von vorn los und die Menschen drängen unter die einzige überdachte Bar in der Nähe. Sardinen in der Dose. Darunter Dennis und Philipp, die sich bis eben noch nicht kannten, doch jetzt ihre Bäuche aneinander drückend Anlass dazu finden, sich zu unterhalten. „If you’re worried about the weather, you chose the wrong place to stay“.

Marie ist zum ersten Mal hier. Viele Freunde hat sie hier zufällig getroffen, doch die, mit denen sie ursprünglich hier hergekommen war, hat sie verloren. Mit Glitzer im Gesicht sucht sie schon seit Tagen und findet immer nur die anderen. 
Gerade hat sie Mario gefunden. Sie beide saßen zur gleichen Zeit auf der selben Couch im Luftschloss. Mehr verbindet sie nicht. Doch Mario lädt sie ein, mit ihm zu kommen und das ist besser, als weiter allein durch den Matsch zu stiefeln. Am Ende des Tages stehen sie knutschend im Regen unter einem Pavillon. Übermorgen reisen beide ab. In unterschiedliche Richtungen. Mehr verbindet sie nicht. 
Später geht sie weiter mit anderen „Verwaisten“ mit. 

Auf der Turmbühne spielt inzwischen Extrawelt und der Tanzbereich ist voll. Regen ist keine Ausrede, das zu verpassen. Die Feuerfontänen des Turms pusten den Regen weg. Zumindest kann man sich das einreden. Wer keinen Schirm hat, bringt seinen Pavillon mit und tanzt darunter. 
Stefan spannt seinen Schirm und lässt ihn im Takt hüpfen. Marie hat auch ihn nur zufällig getroffen. Er spannt den Schirm auch für sie, damit sie nicht nasser wird als sie schon ist. Für eine Stunde bemühen sie sich, sich nicht zu verlieren. Die Gruppe der Verwaisten. Und verlieren sich am Ende doch. Der eine so, der andere so. Marie ist wieder weitergegangen. 
Vielleicht begegnen sie sich zufällig morgen wieder. Aber jetzt, jetzt macht sie sich weiter auf die ursprüngliche Suche nach ihren Freunden. Und findet sie vielleicht. 

Bis zum Montag hat sich die Zeltlandschaft schon gelichtet. Nicht jedem ist die Fusion ein durchnässter Schlafplatz wert. Wieder andere schnallen sich ihr Zelt inzwischen über Kopf und Bauch. Wer im Einheitsmatsch und Friesennerz noch auffallen will, muss sich so ein wasserdichtes Kleid kreieren. 
Eine bunte Trekkerfahrerin bringt Wasser zu einer auf dem Trockenen liegenden Bar und muss dafür durch eine meterbreite Pfütze fahren.
Sven fällt die Ironie dieser Situation auf und schreit tanzend „Ja! Wasser! Wir brauchen Wasser!“ vom aufweichenden Hangar. 

Zur selben Zeit bildet sich schon eine Schlange an der Ausfahrt. Wer nicht schon gestern die Flucht vorm Regen ergriff, tut es spätestens jetzt. Glücklich ist, wer ohne Hilfe des regionalen Traktorfahrers aus dem Matsch zur Ausfahrt kommt und nicht wie andere drin stecken bleibt. Die, die noch bis Montag bleiben, beobachten müde das Geschehen und freuen sich, noch nicht anstehen zu müssen. 
Auch für Martin aus Hamburg ist die Fete noch nicht vorbei. Mit dem Bier und der Zigarette in der Hand läuft er gröhlend über den Zeltplatz und ruft „Jo, raus hier, kommt ma alle nomma raus hier!“ in Richtung verschlossener und vielleicht verlassener Zelte. 

Nach knapp drei Stunden haben die anstehenden Autos ihr Ziel Ausfahrt fast erreicht. Die Autos stehen in Reihen nebeneinander. Marlene wirft Konfetti vom Rücksitz aus dem Fenster und erheitert kurz entnervte Mitwartende in den Nachbarautos. Ach ja, zum Spaß haben kamen sie ja vor ein paar Tagen her und hatten sie ihn trotz des Regenwetters.

Der Ferienkommunismus war nass und ist nun vorüber. Bis zum nächsten Jahr. Mit Glitzer und Konfetti. 

Namen und Geschichten sind Ersponnenes zum Beobachteten.