Ich hab dich nur getroffen, damit du mir deine Geschichte erzählst.

Er ist laut. Offenbar hat er sich verpätet und seine Perle deshalb ihren Bus verpasst.
„Eben jingse doch noch richtich, mensch. Aber dit Ziffanblatt is so kleen, weeßte, da konnt ick dit so schwer erkenn‘ und ehde dich fasiehst, biste ooch schon zu spät. Aber beruhichda, der Bus kommt janz bestimmt inna Minute. Man, tut mir leid. Würklich. Bleib ruhich.“
Er und Sie. Sie diskutierten. Er laut. Sie still.
Ich ganz still und mit Stöpsel im Ohr. Er kommt trotzdem zu mir. Ein älterer Mann mit Krückstock, nein es war ein Regenschirm, und Mütze. Und der Uhr mit dem zu kleinen Ziffernblatt, das schuld an der Verspätung war. Offensichtlich. Er konnte nichts dafür.

„Hier kiekense ma, die Uhr is echt jut, wirklich, nur 20 Euro neulich beim Aldi, aber nu bin ick zu spät jekomm und meine Freundin hier muss gleich bei der Mitarbeiterversammlung sein und hattn Bus verpasst. Sowas.“

Er laut. Sie still. Ich muxmäuschenstill.
Der Bus kommt und sie steigt ein, fährt mit ihr davon. Hoffentlich schafft sie es noch zur Versammlung.
Während mein Bus sich verspätet, am Ende gar nie kommt, ist Zeit für eine kleine Lebensgeschichte.

„Weißte, dit Mädel arbeitet ja im Knochenmuseum, na wie heißtet gleich, ich sach ja immer Knochenmuseum, aber sie kanns ja nich leidn, wenn ick dit sach… hier Naturkundemuseum. In leitender Position. Allet hart erarbeitet! Als ick dit Mädel damals kenn’lernte 1976, da hattse hier vorn noch jearbeitet… dit weeß ja ooch kaum jemand, dass da hinten anna Ecke im Hinterhof dit kleenste Museum der Welt is‘. Sie hat da jearbeitet. Für Einsfuffzich. Hat immer jearbeitet, hattsich ihr Buch mitjenomm und jearbeitet, einsfuffzich hin oder her. Irgendwann kam der Chef und hat jefragt, ob ihr der Job eigntlich Spaß macht und sie sachte natürlich, dass es ihr Spaß macht und wie’s der Zufall wollte, wa, wurd’se weiterjeschickt zum Knochenmuseum. Da isse jetzt festanjestellt, unkündbar, wissen Se! Wissen se, wie man dit macht.. Man mussich einfach unfazichtba machn, wa… hattse jemacht. Hat länger jearbeitet als die andern alle, dabei kannte se sich nich ma mit Compjutan aus und so. Hattse sich allet in nichma 6 Wochen vonne Pieke uff beigebracht und nie’n Muks jemacht, wennse ma länger arbeitn musste. Die andern meckern ja immer gleich.
Aber wissense, ick hab ihr immer jesacht, wennde schlecht bist, meckernse sowieso, lasse doch also meckern, wennde jut bist.
Irjendwann hat ihr der Chef ihren eigenen Stuhl vorbeigebracht. Die hat jetzt ihr eigenes Büro. Da kannickse immer anrufen. Und ich sach Ihnen wat, dit war echt wat Besondret… (…)“

„Wir wohn‘ nich mehr zusamm. Aber wir ham zwei Kinder zusamm. Die Älteste is dreiundfuffzich. Der Kleene dreiundzwanzich. Ick wohn zehn Minuten entfernt. Alles jeplant. Keener hat ne Ausrede, allet anna U9. Zehn Minuten. Aber heute war ick zu spät. Dabei wolltn wa uns anna Post treffen. Aber schuld war echt dit unlesbare Ziffernblatt, ick sach’s Ihnen…
Neulich hat der Junge anjerufen und nischt jesacht außer und da wusstick gleich, der Junge is jetz och Schiri. Ick ja ooch. Schon seit achtndreißich Jahrn. Wissense, man muss pfiffich sein. Kannstja so schlau sein wiede willst und trotzdem unterjehn. Aber piffich müssense sein. Hier, ick bin jetze fümmunsiebzich, aber ick komm immer noch mitte Hände anne Zehn mit durchjedrückte Knien. Hier guckense ma.“ (Er hängt mir seinen Schirm über den Unterarm und beugt sich mit den Händen zu den Zehen mit durchgedrückten Knien). ,>
„Ick rooch nich mehr. Und trinken tu ick auch nich mehr seit 1976. Ick habn starken Willen und als ick dit Mädel damals kennenjelernt hab, wa, ha’ick damit irgendwie sofort damit uffjehört. Die war immer so fleißich…
Ne ejal, ick also Schiri und wat man da allet erlebt…. hier kennse noch Croatia? Ick bin der Grund, warum’s den Verein nich mehr jibt. Kam so’n Spieler an und jab mir ne Koppnuss. Dit war dit einzige Mal, dass ick drei Monate jesperrt wurde. Ick nahm den in Schwitzkasten und hab den eeene rinnjejeben. Ick sachs Ihnen, pfiffich müssense sein. Ick hab dit schon in seinen Augen gesehen, dasser wat vorhat. Dann kamse alle an.. Dass ick den in Schwitzkasten nahm hamse alle jesehn, aber dasser mir vorher ne Kopfnuss jejeben hat, dit hamse angeblich alle nich jesehn. Seitdem hab ick dit hier.
Dit mussick Ihnen noch zeigen, bevor Ihr Bus kommt.
Guckense ma. Sieht aus wie’n Kugelschreiber. Is‘ aber ne Kamera! Schaunse hier, da is die Kamera drin. Steckick ma ins Hemd und dann kann dit hierüber Bilder machen. Sogar mit Ton. Mussick natürlich immer vorher ansagen. Weil Fotos kannick von dir machen wie’ick will, wennde hübsch bist. Aber wenn mit Ton, dann nich. Aber wennick als Schiri aufm Platz stehe, hab ick die Kamera an. Nochma‘ passiertma dit nich, dass ich drei Monate jesperrt werde, wenn man mir ne Kopfnuss jibt.
Oh, da kommt ihr Bus. War mir eine Freude. Ick jeh jetzt auch ma nach Hause. Machenses jut!“
sagt er noch und gibt mir seine Hand.

Ich steige in den Bus.