La vie bruxelloise.

I.
Nach einer kurzen Nacht,
dem Packen letzter Kisten und einer ziemlich leer hinterlassenen Bude in Berlin
bin ich heute in meinem neuen Parttimezuhause Brüssel gelandet.
Kacke, das fühlt sich grad noch irre komisch an, obwohl wir das ja schon mal durch haben
mit Stockholm.
Aber dann:
A warm welcome in Colonel Bourg in der neuen WG.
Nathalie und Sarah heißen meine beiden neuen Mitbewohnerinnen.
Colocation avec les filles.
Sie empfangen mich so herzlich. Das macht die Ankunft leichter.
Küsschen.
Wir trinken Tee und sprechen ein Französisch-Englisch-Mischmasch.
Es ist schön, jetzt nicht alleine zu sein
und ich glaube, das hier wird gut.
Et voilà: das ist mein neuer Palast.
70er Jahre Chic in Schaerbeek.
Colonel Bourg
Home bruxelloise
II.
Nach ein paar Stunden Schlaf und erster Nacht im neuen Zuhause
geht’s mir schon besser.
Brüssel ist grau und verregnet,
mein Französisch im Winterschlaf
und wie immer führt der erste Gang zu IKEA.

Fun fact:
Meine Mitbewohnerinnen, ihre Schwestern und gefühlt alle arbeiten bei IKEA.
N. nimmt mich mit und schenkt mir ihren Mitarbeiterrabatt.
IKEA schenkt mir ungefragt gleich eine ganze Matratze.
Man kann ja auch mal Glück haben, nicht?

Fun fact 2:
Sarah.
Sie hat eine nicht ganz nachvollziehbare Leidenschaft für Tiere und den König der Löwen.
In ihrem Zimmer stapeln sich Plüsch-Simbas und Pumbas.
Und noch am Ankunftstag fragte sie mich, ob ich ein Problem mit Tieren habe.
Habe ich nicht, wenn ich mich nicht um sie kümmern muss.
Es bestünde eine gewisse Gefahr, dass die Haustierchen dann verkümmerten.
Noch am selben Tag schaffte sie sich zwei Hamster an.

La vie bruxelloise – ist auch ein bisschen drôle.

III.
Brüssel ist immer noch grau. Es regnet. Es ist kalt.
Und alle meine Mitbewohner arbeiten heute bei IKEA.
Ich fühle mich heute irgendwie alleine.
Aber das gehört dazu in den ersten Tagen.

Ich fahre zur Uni, mache erste Erledigungen wie die meiner Immatrikulation.
Der Campus der VUB ist wahrscheinlich einer der hässlichsten, die ich je gesehen habe
und wird durch den Grauschleier des Regentages nicht unbedingt schöner.
Lost in translation.
Es dauert eine Weile, ehe ich die Stelle finde, wo ich mich einschreiben kann.
Meine Füße sind nass und ich verfluche die Entscheidung, meinen Regenschirm optimistisch in die noch nachzuschickenden Pakete gepackt zu haben.

Die Stimmung hellt sich auf, als ich beim Institute for European Studies, immerhin
dem Insitut ankomme, bei dem ich nun das Abenteuer LL.M. antrete.
Ein modernes und gar nicht mehr so hässliches Gebäude und sehr schöne Klassenräume.
Puh. (!)
Der hässliche VUB-Campus kann mir also ein bisschen egaler sein.

Auch das Gefühl des Alleinseins stellt sich noch ein.
Als ich mich dabei erwische, mir selber leid zu tun, kommen meine Mitbewohnerinnen
von der Arbeit und stürmen in mein Zimmer.
Endlich, ihr seid wieder da.
Im Wohnzimmer trinken wir Wein und lernen uns wieder ein bisschen mehr kennen.

IV.

Ein Tag Einsamkeit zelebrieren reicht, finde ich und so treffe ich mich am
Nachmittag mit Griet und Thibaud in St. Gilles.
Ja, es regnet immer noch. Und Brüssel zeigt sich immer noch nicht von seiner schönsten
Seite, aber ich habe beschlossen, nicht darauf zu warten.

In Brüssel finden gerade die Journées des Patrimoines statt.
Sonst zum Teil gar nicht zugängliche Schätze der Stadt öffnen ihre Pforten.
So auch das alte Aegidium, ehemals Kino, Tanzsalon und Theater.
Auf dem alten Parkett kann man sie geradezu noch tanzen sehen in längst vergangenen Zeiten.
Ansonsten ist das Haus sanierungsbedürftig deluxe.
Vermutlich steht es deshalb nicht mehr regulär dem Besuch offen.

Danach spazieren wir ins Maison Pilgrims. Ein altes Herrenhaus in St. Gilles.
Die Wände sind mit Stoff bezogen und im Wintergarten lädt ein Brunnen
zum Verweilen ein.
Im oberen Geschoss stellt ein junger Künstler seine Photographien aus.

Zuletzt gehen wir ins Rathaus von St. Gilles. Ein pompöser Bau, obwohl – so erzählt mir Thibaud –
St. Gilles so ziemlich die ärmste Commune der Stadt ist.
Im Gebäude selbst könnte ein anderer Eindruck entstehen, wenn ich so zu den verzierten Decken im Hochzeitssaal blicke.

Wie auch immer. Unseren Ausflug schließen wir in einem absolut kitschigem und gleichwohl
gemütlichen Café gleich gegenüber vom Rathaus ab. In unseren Rücken sitzen alte Damen mit Hund,
die ihren Kaffee hier trinken. Rechts turtelt ein entweder erst seit gestern verliebtes oder schon Jahrzehnte verheiratetes Paar. Dort drüben isst jemand Muscheln aus einem riesigen Topf.
Ich trinke Kaffee und lasse mir die erste Chance auf ein belgisches Bier entgehen.

Das Bier trinke ich erst am Abend.
Lisa ist zufällig auch gerade in der Stadt.
Ich besuche sie bei ihrer Freundin in Schaerbeek.
Wir gehen heute ins Café Central.
Auf dem Tanzflur tanzen sie zu Soul.
Die Wände sind ganz mit Holz ausgekleidet.
Am Tisch weit vorn zeichnet ein älterer Herr die Leute mit Kohle.
An der Bar gibt es eine fast überfordernde Auswahl an Bier.
Draußen steht eine Traube von Menschen, die Leute rauchen und unterhalten sich.
Junge Männer, die junge Frauen auf ihre Schönheit ansprechen.
Dazwischen wir.
Brüssel, du gefällst jeden Tag ein bisschen mehr.

Linie 2 Simonis // Métro
Journées des Patrimoines // Aegidium St. Gilles
Fotoausstellung im Maison Pelgrims
l’Hôtel de Ville St. Gilles
Sitzungssaal im Rathaus St. Gilles
Griet & Thibaud
V.
Und dann doch sowas wie Sonne.
Ich fahre zum Gare du Midi in der Hoffnung, ein günstiges 2nd Hand Fahrrad zu erstehen.
Ich muss mir den Weg durch die Menschenmassen bahnen.
Auf dem Markt bekomme ich ein Gefühl von Berlin.
Türkischer Markt in Kreuzberg oder der Markt hier in Brüssel, die Unterschiede verschwimmen,
hier wie dort fährt mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein „Rentnershopper“ über den Fuß. Harr.

Ich finde den Fahrradmarkt und bin enttäuscht.
Die Auswahl ist bescheiden und die Preise horrend.
100 Euro für ein sehr wahrscheinlich gestohlenes Radl?
C’est trop chère, Monsieur!

Also laufe ich weiter, laufe zum Place de Jeu de Balle.
Hier ist Flohmarkt, jeden Tag und auch heute.
Ich suche immer noch nach einem Nachttisch und einem Spiegel.
Einen Nierentisch erstehe ich und freue mich, dass ich es mit meinem desaströsen Französisch
geschafft habe, den Tischleinverkäufer herunterzuhandeln.
Mit Tisch erkunde ich die Gegend, laufe zur Chapelle und
voilà, here they come: Meine ersten belgischen Fritten.
Es ist nur das petit paquet, die kleine Portion und doch reicht sie aus, um zu platzen.
Die Leute um mich herum amüsiert zudem, dass ich meine Pommes auf meinem Tisch abstelle.
Einer macht sogar ein Foto.
2 Sekunden Ruhm in Brüssel. Oh yeah.

Und dann finde ich die cool kids von Bruxelles. Die Skaterboys und High Heel-Girls
und fühle mich so lässig.
Tell Mommy, I hang with the cool kids now.

Ich laufe weiter in Richtung Justizpalast. Einfach so. Kann man sich ja mal angucken.
Hier belgische Schokolade, dort belgische Waffeln.
Oh weh, that’s why we’re fat.
An den Hauswänden Comics. Die sind vielleicht besser für die Gesundheit.

Ich komme am jüdischen Museum entlang und eigentlich will ich gar nicht hineingehen.
Museum doch lieber dann, wenn’s mal wieder regnet.
Doch ich komme nicht am Museumsmann vorbei, er zwingt mich geradezu einzutreten.
Heute nicht, erkläre ich ihm.
Er findet mich nett und bietet mir Kaffee und selbst gebackene Kekse an, erzählt mir, dass
sein Vater Franzose und seine Mutter Belgierin ist, aber er in Brüssel geboren wurde, sich nichts desto trotz eigentlich als Europäer, nein als Erdling fühlt und findet schön, dass ich aus Berlin komme.
Wie gentil!
Ich komme wieder, ganz bestimmt, verspreche ich und meine es so, nur heute, da mal die Sonne scheint, laufe ich weiter.

Vor dem Justizpalast gibt es Aussicht.
Never been so close to Hollywood.
In weißen Lettern hat jemand zumindest Hollywood
über die Fenster der obersten Etage eines Hauses gemalt.
Irgendwo rechts hinter der Chapelle blitzt das Atomium auf.
Well, hätten wir das auch abgehakt.

Ich schnall mir mein Nierentischchen um den Bauch und fahre nach Hause.
La vie bruxelloise… to be continued.

Markt am Gare du Midi
Ach ja, not to forget: Comics!
Jazz dans les rues
Vintage, Vintage.
Marché au puces
Muscheln.
La Chapelle
Et voilà: Fritten auf frisch erstandenem Nierentisch.
Tell Mommy I hang with the cool kids now!
Dickmacher #2: Schokolade
never been that close to Hollywood.
Atomium am Horizont.

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