Strohhalme.

In weniger als einer Woche ist die Klausur. Es ist ein Bibliothekstag. Die Köpfe rauchen – unsichtbar. Mira hört die Zeiger der Wanduhr ticken. Es erinnert sie daran, dass die Zeit abläuft. Sie hat immer noch das Gefühl, nicht genug zu wissen, obwohl sie sich seit Wochen mit ihren Lehrbüchern eingeschlossen hat.

Heute ist sie in die Bibliothek gekommen, um andere Menschen zu sehen.

Aber eigentlich ist sie hier in der Hoffnung, Martin zu sehen. Martin ist nicht mehr lange hier. Er ist Erasmus-Student aus der Schweiz und irgendwie wird Mira das Gefühl nicht los, Martin zu spät getroffen zu haben. Zumindest verwirrt sie dieser Gedanke.

Die Zeiger ticken. Martin ist nicht da.

Dann lernt Mira eben.

Sarah hat Johannes auch spät getroffen.

Sie war für einige Monate in Prag. Sie ist tanzen gegangen wie so oft am Freitag und am Samstag. Irgendwann stand da Johannes. Er tanzte wie sie und mochte dieselbe Musik.

Ihre beste Freundin hat sie beide zusammen gesehen und gefunden, dass Johannes und Sarah gut zusammen aussehen.

Aber Sarah war schüchtern und wollte das nicht glauben.

Irgendwann küsste Johannes sie, als sie am wenigsten damit rechnete.

Danach wurde Johannes immer rot, wenn er Sarah erblickte und die Geschichte vorbei. Als es Sommer in Prag wurde, fuhr Sarah wieder nach Hause. Johannes blieb in Prag.

Geküsst haben sie sich nicht mehr wieder.

Sarah erzählt von Johannes. Wenn sie könnte, würde sie Johannes von der Stelle wegheiraten. Von niemandem sonst hatte sie das je gesagt.

Nächste Woche ist die Geschichte anderthalb Jahre alt. Vergessen hat sie die Geschichte nie. Heiraten würde sie Johannes immer noch. Von der Stelle weg.

Ob Johannes das je auch von ihr sagen würde?

Nächste Woche fährt sie nach Prag.

Sie wird Johannes treffen. Und dann?

Es ist ein Strohhalm. Eine Möglichkeit.

Sven ruft seinen besten Kumpel an, als er gerade aus dem U-Bahnhof läuft. Er erzählt von Jasmin. Er hat Jasmin schon dreimal getroffen und noch nichts ist passiert. Weil es Sven frustriert, erzählt er davon seinem Kumpel.

Er würde gerne mal mit Jasmin allein sein, sie vorher schön bei sich bekochen.

Jasmin fehlt dafür der Sinn. Sie mag lieber mit Sven essen gehen. Sie habe gehört, bei dem Chinesen in der Schillerstraße gibt es „hammer“ Essen.

Sven versucht, ihr den Kochabend wieder schön zu reden.

Zu seinem Kumpel sagt er: „Weißt du, alle Frauen sind so. Die sagen dann irgendwas wie Oh man, schön, dass du kommst, ich freu mich total, dich zu sehen. Du weißt ja, wie Frauen sind. Aber sie, sie sagt sowas nicht. Wir hatten schon drei Dates und haben beim zweiten Date immer noch nicht geknutscht. Heute haben wir das vierte Date und immer noch nicht gefickt. Ich frag mich schon, ob sie Jungfrau ist oder so. Weißt du, sie kommt auch aus dem Westen. Wir im Osten sind da irgendwie offener. Aber komisch ist das schon, oder? Findest du nicht?“

Mira war Mittagessen mit ihrer Freundin. Sie hat von Martin erzählt und davon, dass er immer in der Bibliothek sitzt. Immer an derselben Stelle. Aber dass er immer noch nicht da war, als sie eben ging und sein Platz nach wie vor leer blieb. Und sie sich deshalb noch weniger konzentrieren konnte als ohnehin schon. Ihre Freundin hatte gegrinst und die Sache süß gefunden. „Weißt du, wenn du jetzt zurück kommst in die Bibliothek, dann nimmst du deine Sachen und setzt dich da hin, wo er sonst immer sitzt.“

Mira wusste nicht so recht. Sie fand die Idee zu offensichtlich. Eigentlich weiß sie doch selber gar nicht, was sie an Martin findet. Knutschen würde sie gerne mal mit ihm. Nur mal gucken. Aber sonst?

Als sie zurück in die Bibliothek geht, hat sie dennoch beschlossen, mutig zu sein, ihre Sachen zu holen und sich an Martins Stammplatz zu setzen. Sie erschrickt, als sie an ihren Platz zurückkehrt und zwei Reihen hinter ihr, ganz gegen seine Gewohnheit, sitzt Martin.