Theatertreffen: Die Borderline Prozession.

Wir müssten maßlos überfordert sein, in dieser Welt, in der alles gleichzeitig und parallel passiert. Und wahrscheinlich sind wir das sogar.

Das Schauspiel Dortmund und Kay Voges „Borderline Prozession“ sind zu Gast auf dem Berliner Theatertreffen.
Ein Loop um das, was uns trennt.

Teil 1: Es ist wie es ist
Überforderung gleich zu Anfang. In einem Setzkasten passiert alles gleichzeitig. Eine Frau liest auf der Terrasse ein Buch. Ein junger Mann trainiert in einer Garage an den Hanteln seine Oberarme, danach setzt er sich in eine Badewanne.
Ein älterer Mann kommt entkräftet von der Arbeit und schmiert sich eine Stulle. Ein Ehepaar putzt sich im Badezimmer die Zähne.
Gleichzeitig wissen wir, was draußen passiert dank riesiger Leinwände.
Um die Szene kreist im Zeitlupentempo eine Kamera und lässt uns, die wir nach innen schauen, wissen, was draußen passiert.
Was von innen scheint, sieht von außen manchmal ganz anders aus.

Gähnende Langeweile. Alles wiederholt sich scheinbar. Minimale Veränderungen nur.
Doch dann verändert sich schleichend alles.
Der junge Mann trägt einen orangefarbenen Overall, der nicht zufällig an die Häftlingskleidung von Guantanamo erinnert. Die Anspielung wird überdeutlich, als ein anderen ihm einen schwarzen Sack über den Kopf zieht. Das Bad nach dem Sport wird zum Waterboarding.

Teil 2: Krise
Dann wird das Publikum aufgefordert, die Perspektive zu wechseln.
Wer aufs Innere geschaut hat, schaut jetzt aufs Äußere. Die Langeweile des Alltags von gerade eben noch wird zur alles umfassenden Gewalt. Krieg. Das Haus bewachen Soldaten mit verzerrten Masken und schwerer Maschinerie.
Im Schaufenster, in dem eben noch die Liebe angeboten wurde, steht jetzt eine Domina und verpeitscht einen Mann. Eine Braut ersticht Ihren Bräutigam. Eine Frau wird von den Soldaten in einem Auto vergewaltigt.
Alltag ist woanders auch das hier.

Teil 3:
Der dritte Teil ist Utopie.
Vielleicht auch die Zukunft der Überforderungsgesellschaft.
20 Lolitas tanzen drinnen und draußen. Übernehmen die Herrschaft über die Szene.
Eine Justitia schreitet blind umher.
Ein Napoleon stirbt und wird von Lolitas begraben.
Major Tom im Ohr schwebt ein Astronaut durchs Bild.
Das hier hat keinen Sinn. Oder vielleicht doch.
Ein Bild der Reizüberflutung.
„Es gab nichts zu verstehen, aber viel zu erleben.“

Und dann dieser Ohrwurm, den man tagelang nicht mehr los wird.
Wir waren Teil dieser Borderline Prozession.

„In a manner of speaking
I just want to say
that I could never forget the way.
You told me everything by saying nothing.
Oh, give me the words, that tell me nothing.
Oh, give me the words, that tell me everyhing.“


Fotos: Marcel Schaar


Wörterbuch der Borderline Prozession
RBB Stilbruch